BLOG: Fachkräfte Südniedersachsen

#32 Rankings attestieren Nachholbedarf

veröffentlicht am 21.06.2022; Autor: Benjamin Schulze

Farbenkasten

Der Wettbewerb zwischen Regionen und Kommunen hat in den letzten dreißig Jahren deutlich und nochmals verstärkt in den letzten zehn Jahren an Dynamik gewonnen. Die Konkurrenz bei der Ansiedlung von Unternehmen, beim Anwerben von Investoren, Fach- oder Führungskräften und im Tourismus ist spürbar gestiegen. Kontinuierlich wächst, nicht zuletzt vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierungstendenzen, der Druck auf die Kommunen, (pro-)aktiv Maßnahmen zur Förderung der regionalen Wettbewerbsfähigkeit zu ergreifen; bisher vorwiegend in Form von Wirtschaftsförderung, seltener durch gesamtheitliches Standort- bzw. Regionalmarketing. Regionen-Rankings helfen dabei die eigene Position einzuordnen. Wie schlägt sich Südniedersachsen?

Regionen-Rankings

Wo Wettbewerb stattfindet, wird stets versucht, innerhalb dessen eine Rangfolge zu ermitteln. Das gilt auch für den Wettbewerb zwischen Regionen, nicht zuletzt um Entwicklungspotenziale und Förderbedarfe aufzuzeigen. Hierbei haben sich verschiedene regionale Rankings als Maßstab bzw. Instrumentarium etabliert. Solche Rankings, die eine Differenzierung der Regionen durch den Vergleich verschiedenster Indikatoren vornehmen, sind jedoch mit einigen grundlegenden methodischen Schwierigkeiten behaftet. So kann das Endergebnis bereits mit der Auswahl von Indikatoren entscheidend gesteuert werden. Die Ergebnisse sind deshalb stets als relativ nicht als tatsächlich objektiv einzuordnen. Sie eignen sich dennoch grundsätzlich gut, um durch Vergleich auf mögliche Schwachstellen hinzuweisen oder regionale Entwicklungsprozesse anzustoßen. Nicht zu unterschätzen sind die Rankings insbesondere im Hinblick auf ihre öffentliche Wirkung. Die meisten Rankingergebnisse – und hier vor allem die Gruppen der besten sowie der schlechtesten Platzierungen – werden in der überregionalen Presse meist ausführlich besprochen. Sie nehmen so gewiss auch Einfluss auf die Standortentscheidung von Investoren, Unternehmen sowie Fach- und Führungskräften.

Bezugsgrößen

Die Rankings unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ausgewerteter Indikatoren sowie der verglichenen räumlichen Bezugsgrößen (Städte, Regionen, Landkreise usw.). Die Bundesrepublik Deutschland lässt sich in 294 Landkreise sowie 107 kreisfreie Städte gliedern. Die meisten Regionen-Rankings addieren beide und sprechen von 401 bzw. 402 Regionen. Das Bundesland Niedersachsen (47.710 Quadratkilometer, zweitgrößtes Bundesland) umfasst 37 Landkreise und liegt damit zahlenmäßig nur hinter Bayern, dem Bundesland mit der größten Fläche (71 Landkreise, 70.542 Quadratkilometer) und nur knapp vor Baden-Württemberg (35 Landkreise, 35.748 Quadratkilometer, drittgrößte Fläche). Durch die Perspektive auf Landkreise und kreisfreie Städte wird Südniedersachsen von den meisten Rankings nicht als Region aufgefasst. Dafür müssen die Einzelergebnisse der Landkreise Göttingen, Northeim, Goslar und Holzminden zusammengenommen werden.

IW-Ragionalranking 2020

Das Kölner Institut der Wirtschaft (IW) legt regelmäßig ein Regionen-Ranking vor. Im IW-Regionalranking 2020 liegt der Fokus auf ländlich geprägten Regionen. Als Datengrundlage werden 14 statistische Indikatoren herangezogen. Bewertet werden zwei Ebenen: Status quo bzw. Niveau (Kaufkraft/Wohlstand vs. Arbeitslosigkeit/Partizipation) sowie beobachtbare Dynamik bzw. Entwicklung. „Die Regressionsergebnisse zeigen, dass 49 Prozent des regionalen Erfolgs durch Faktoren der Lebensqualität bestimmt werden, weitere 35 Prozent durch die Wirtschaftsstruktur und 16 Prozent durch Faktoren des Arbeitsmarkts“. Beide Ebenen werden sowohl getrennt voneinander als auch im Vergleich zueinander ausgewertet. Drei der vier erfolgreichsten Regionen liegen nach dem Niveauranking in Süddeutschland, u.a. der Großraum München. Zu den Top 20 zählen insgesamt 14 bayerische Kreise und kreisfreie Städte. „Analog zu dem oberen Ende der Rangliste lassen sich auch am unteren Ende räumliche Konzentrationen feststellen. Zum einen werden die letzten zehn Ränge ausschließlich von kreisfreien Städten belegt. Zum anderen stammen vier (2018: sechs) der zehn Städte aus dem Ruhrgebiet“ (75). Etwas verändert stellt sich das Dynamikranking dar. Die dynamischen Regionen verteilen sich über das gesamte Bundesgebiet mit leichter Konzentration im Berliner Umland. Aus dem Vergleich beider Ebenen vor dem Hintergrund des Dreijahreszeitraums ergibt sich eine Einteilung in vier Kategorien: Outperformer, Aufsteiger, Absteiger sowie Underperformer. „Die 134 Outperformer sind überwiegend in Bayern, weiten Teilen Baden-Württembergs sowie in und um städtische Zentren und Agglomerationen wie in Hamburg oder Berlin zu finden. […] Im Vergleich zum IW-Regionalranking 2018 hat die Anzahl der Regionen, die zur Gruppe der Aufsteiger gehören, um 21 Kreise und kreisfreie Städte zugenommen. […] Die Absteiger und Underperformer benötigen eine erhöhte Aufmerksamkeit, da ihnen in den letzten Jahren wirtschaftliche Dynamik fehlte“ (80). „Im Vergleich zum IW-Regionalranking 2018 sind zwar 14 weitere Absteiger hinzugekommen, aber 20 Regionen konnten sich aus der Klasse der Underperformer befreien“ (80f.). Zum südniedersächsischen Ergebnis: Im Niveauranking der ländlichen Regionen zählen die Landkreise Holzminden (Platz 351), Harz (Platz 354) und Goslar (Platz 357) zu den schwächsten zehn; sind demnach Underperformer. Holzminden und Goslar sind die einzigen nicht-ostdeutschen der zehn letztplatzierten ländlichen Regionen. Unter den stärksten oder schwächsten zehn des Dynamikrankings taucht kein südniedersächsischer Landkreis auf.

Aufsteigerregionen in Deutschland

Beinahe zeitgleich zum Regionalranking wurde die IW-Studie Aufsteigerregionen in Deutschland veröffentlich. Als Aufsteigerregionen werden hier solche bezeichnet, die sich ausgehend von einem unterdurchschnittlichen Ausgangsniveau überdurchschnittlich entwickelt haben. Als Bewertungsgrundlage werden sieben Standortfaktoren berücksichtigt: Arbeitslosenquote, Kaufkraft, Durchschnittsalter, Breitbandausbau, Bevölkerungsdichte, private und kommunale Verschuldung. Von den zwölf identifizierten Aufsteigerregionen stechen vor allem vier deutlich heraus: Havelland-Fläming, Prignitz-Oberhavel, Westsachsen und Mittelthüringen. „Insgesamt zeigen viele Regionen in Ostdeutschland eine sehr gute Entwicklung, insbesondere in Bezug auf die Arbeitsmarktentwicklung. Allerdings gibt es auf der anderen Seite auch ostdeutsche Regionen, die als Handlungsregionen identifiziert werden“ (4). Konkrete Gründe für die Einordnung einer Region als ‚Aufsteigerregion‘ nennen die Autoren nicht ausdrücklich. In der Gruppe der ‚erweiterten Aufsteigerregionen‘ (also jene, die nicht eindeutig als Aufsteiger charakterisiert werden) findet sich neben sieben anderen die „Region Göttingen“ (LK Göttingen, Holzminden und Northeim) als eine von zwei teil-urbanen Regionen (neben Oldenburg). „Mit Ausnahme von Göttingen und Oldenburg sind die Aufsteigerregionen insbesondere beim Arbeitsmarkt positiv aufgefallen“ (21). „Auffällig viele Regionen sind besonders positiv beim Abbau der privaten Überschuldung aufgefallen“ (22), u.a. Region Göttingen.

IW-Ranking 2022

Das jüngst erschiene IW-Regionalranking 2022 bestätigt einmal mehr die Spitzenposition Münchens, zeigt aber auch, dass der Norden deutlich zulegt. Untersucht wurden alle Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland hinsichtlich ihrer Entwicklungsprognosen und verstärkt vor dem Hintergrund möglicher Auswirkungen der Corona-Pandemie. Drei der vier südniedersächsischen Landkreise werden nach den vergangenen zwei Pandemiejahren nun im Niveau-Dynamik-Vergleich als Underperformer eingestuft. Nur der Landkreis Holzminden zählt zu den 93 Regionen, die als Aufsteiger, bezeichnet werden. Hinsichtlich wirtschaftlicher Dynamik liegen diesmal der bislang schwache Westen und Norden sowie der Raum Berlin-Brandenburg vorne, hingegen hat der bisher stärkere Süden Deutschlands deutlich verloren. Beim Dynamikranking erzielen die Landkreise Göttingen, Goslar und Northeim 47,9 bis 50,0 Indexpunkte. Insgesamt erhielten nur 28 Regionen über 52,1 Indexpunkte, gefolgt von 158 Regionen mit 50,0 bis 52,1 (hierunter auch der Landkreis Holzminden) und 185 Regionen mit 47,9 bis 50,0 Indexpunkten. Schlusslicht bilden 29 Regionen mit weniger als 47,9 Indexpunkten.

Die zehn stärksten Regionen liegen in Schleswig-Holstein, Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Auffallend ist, dass sich im Dynamikranking Regionen finden, die währenddessen im Niveauranking unterschiedlich gut platziert sind. Generell zeigt sich, dass der Westen, Norden und der Großraum Berlin-Brandenburg im Dynamikranking gut abschneiden, während die Mitte und große Teile im Süden hinten abfallen.

Was bedeutet das für Südniedersachsen?

Südniedersachsen bietet viele Vorzüge für Fachkräfte, da die Region neben vielen attraktiven Arbeitgebern, eine renommierte Hochschul- und Forschungslandschaft, eine wachsende Innovations- und Gründungsdynamik und ein familienfreundliches Umfeld beheimatet. Dennoch stehen insbesondere ländliche Räume aufgrund ihrer strukturellen Voraussetzungen und Begebenheiten bereits heute vor großen Herausforderungen (dazu siehe z.B. #31 oder #20). Nennenswert sind hier neben den Auswirkungen des demografischen Wandels, die gestiegene Flexibilisierung bei der Standortwahl sowohl von Menschen als auch von Unternehmen, der Strukturwandel des Arbeitsmarktes, der nationale und globale Wettlauf um Innovationen und Technologien, die Stärkung der Innovations- und Gründungsdynamik einhergehend mit einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, die Auswirkungen sozialer Ungleichheit, Integration und Inklusion, Teilhabe am Arbeitsleben, Daseinsvorsorge im ländlichen Raum sowie die Knappheit natürlicher Ressourcen und Klimawandel.

Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass einige Indikatoren auf dringenden Handlungsbedarf hinweisen. Ein Lösungsansatz liegt hierbei womöglich in einer gezielten überkommunalen Zusammenarbeit beispielsweise zur Realisierung einer gemeinschaftlichen Standortvermarktung sowie in der Umsetzung zur Zukunftsregion. Das jüngste Ranking verdeutlich einmal mehr, dass sich nur jene Regionen im Wettbewerb behaupten können, die am Puls der Zeit agieren, regionale Resilienz entfalten und zielorientert sowie strategisch handeln.

Ansprechpartner:

Dr. Benjamin W. Schulze
Bereichsleitung Fachkräfte & Willkommenskultur
T. 0551/270713-43
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