Die Bundesnetzagentur arbeitet derzeit an einer grundlegenden Reform der Netzentgelte – der AgNes-Reform. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich eine zentrale Frage der Energiewende:
Wer zahlt künftig für die Stromnetze und wie können Verbraucher:innen dazu beitragen, das Stromsystem effizienter zu machen?
Die Wasserstoff-Allianz Südniedersachsen begrüßt viele der vorgeschlagenen Änderungen. Gleichzeitig sehen wir an einigen entscheidenden Stellen Verbesserungsbedarf. Denn die zukünftige Ausgestaltung der Netzentgelte wird wesentlich darüber entscheiden, ob Investitionen in Speicher, Wasserstofftechnologien und intelligente Energielösungen wirtschaftlich attraktiv sind.
Warum Netzentgelte überhaupt reformiert werden müssen
Das bestehende Stromnetz wurde für eine Welt gebaut, in der Strom überwiegend in großen Kraftwerken erzeugt und anschließend zu den Verbrauchern transportiert wurde. Heute verändert sich dieses System grundlegend:
- Die Stromproduktion wandert immer mehr in die Mittel- und Niederspannung (Heim-PV-, Wind- und Freiflächensolaranlagen)
- Batteriespeicher gewinnen an Bedeutung.
- Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen erhöhen die Nachfrage nach flexiblem Stromverbrauch.
- Neue Technologien wie Elektrolyseure können Überschussstrom für die Wasserstoffproduktion nutzen.
Das bisherige Netzentgeltsystem bildet diese neue Realität nur unzureichend ab. Deshalb ist eine Reform sinnvoll und notwendig.
Heimspeicher können mehr leisten als heute belohnt wird
Ein Batteriespeicher im Eigenheim hilft nicht nur dem Besitzer, mehr selbst erzeugten Solarstrom zu nutzen. Er kann auch dazu beitragen, das Stromnetz zu entlasten. Besonders mittags entstehen zunehmend hohe Einspeisespitzen aus Photovoltaikanlagen. Größere und intelligent gesteuerte Speicher könnten diese Strommengen aufnehmen und später wieder bereitstellen.
Das Problem: Die aktuellen Vorschläge schaffen aus unserer Sicht nur begrenzte Anreize für Haushalte, größere oder netzdienlichere Speicher zu installieren. Wer in zusätzliche Speicherkapazität investiert, hilft häufig nicht nur sich selbst, sondern auch dem Energiesystem. Dieser Beitrag sollte wirtschaftlich honoriert werden.
Flexibilität ist oft günstiger als Netzausbau
Stromnetze müssen für Belastungsspitzen ausgelegt werden. Je höher diese Spitzen ausfallen, desto mehr Infrastruktur wird benötigt. Dabei gibt es zwei Wege:
Variante 1: Immer mehr Leitungen und Netzkapazitäten bauen.
Variante 2: Erzeugung, Speicherung und Verbrauch intelligenter steuern.
Natürlich wird auch künftig Netzausbau erforderlich sein. Doch vielfach kann Flexibilität Kosten reduzieren und den Ausbau effizienter gestalten. Deshalb plädieren wir dafür, dynamische Netzentgelte stärker zu nutzen. Diese könnten Verbrauchern Preisvorteile bieten, wenn sie Strom dann nutzen oder speichern, wenn das Netz entsprechend belastet ist.
Die Energiewende braucht faire Anreize
Ein weiterer Punkt betrifft energieintensive Unternehmen. Die geplanten Entlastungsregelungen für bestimmte Großverbraucher sollen Flexibilität fördern. In ihrer aktuellen Form könnten sie jedoch unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzeugen.
Wenn Unternehmen bestimmte Verbrauchsgrenzen überschreiten müssen, um Vergünstigungen zu erhalten, entstehen möglicherweise Anreize für künstlich erhöhten Stromverbrauch. Das wäre weder volkswirtschaftlich sinnvoll noch hilfreich für die Energiewende. Anreize sollten daher so gestaltet werden, dass tatsächlich netzdienliches Verhalten belohnt wird und nicht bloß das Erreichen formaler Schwellenwerte.
Was wir konkret vorschlagen
Aus Sicht der Wasserstoff-Allianz Südniedersachsen sollte die Reform insbesondere folgende Punkte berücksichtigen:
- stärkere Anreize für den Einsatz von Heimspeichern und dezentraler Flexibilität,
- dynamische Netzentgelte, die Netzbelastungen besser berücksichtigen,
- faire Regeln für Großverbraucher ohne Fehlanreize,
- eine verursachungsgerechte Verteilung der Netzkosten,
- mehr intelligente Steuerung statt ausschließlichem Fokus auf Netzausbau.
Energiewende braucht intelligente Marktregeln
Technologien allein werden die Energiewende nicht zum Erfolg führen. Ebenso wichtig sind die richtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Speicher, Wasserstoff, flexible Verbraucher und digitale Steuerungssysteme können einen wichtigen Beitrag leisten. Damit diese Potenziale genutzt werden, müssen die Anreize stimmen.
Die AgNes-Reform bietet die Chance, ein modernes Netzentgeltsystem zu schaffen, das Investitionen fördert, das Stromnetz stabil hält und die Energiewende insgesamt beschleunigt. Diese Chance sollte genutzt werden.
Über die Wasserstoff-Allianz Südniedersachsen
Die Wasserstoff-Allianz Südniedersachsen vernetzt Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Kommunen und weitere Akteure mit dem Ziel, die Wasserstoffwirtschaft in der Region voranzubringen und einen Beitrag zu einer klimaneutralen Energieversorgung zu leisten.