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#44 Fachkräftelücke als wirtschaftliche Bedrohungslage?

 

veröffentlicht am 06.09.2022; Autorin: Laura Li Stahr

Farbenkasten

Der Blick auf die Anzahl unbesetzter Stellen in der Bundesrepublik lässt auf einen markanten Mangel an ausreichend qualifizierten BewerberInnen schließen. Daraus kann kurz- bis langfristig eine Problemlage, gar eine Lähmung der deutschen Wirtschaft entstehen. Nicht jede Berufsgruppe ist gleichermaßen betroffen. Laut einer Studie des Institutes der deutschen Wirtschaft (IW) sind zehn Berufsfelder besonders betroffen. Genauer gesagt geht es um Berufe, die üblicherweise von Frauen oder Männern ausgeübt und gewählt werden.

Auf Stagnation folgt Anstieg

Die Corona-Pandemie hat auch die Fachkräftelücke nicht verschont. Konnte zu Beginn der Pandemie zunächst noch eine leichte Stagnation hinsichtlich des Fachkräftemangels verbucht werden, zeigen die Zahlen seit Mitte 2021 wieder einen zunehmenden Anstieg. Laut einer jüngsten IW-Studie beläuft sich die Fachkräftelücke im Jahresdurchschnitt auf 537.923 Stellen. Es geht um Stellen, die in Ermangelung qualifizierter Arbeitssuchender rechnerisch nicht besetzt werden können.

Betroffenheit bringt keine Lösung

Die derzeitige Top 10 der Berufe, die den größten Fachkräftemangel verzeichnen, sind breit gefächert: Von diesen zehn gehören fünf zum sozialen beziehungsweise Gesundheitssektor, drei sind Handwerksberufe und die anderen beiden dem IT-Bereich zuzuordnen.

Die Berufsfelder „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“ sind in der Mangel-Statistik führend: Rund 20.600 von insgesamt 26.500 offenen Stellen in diesem Bereich lassen sich nicht mit geeigneten Personen besetzen. Einsatzfelder, in denen sich dieser Mangel bereits jetzt bemerkbar macht, sind die Berufseinstiegsbegleitung, die Schulsozialarbeit, Jugend-, Kinder- und Altenheime sowie in der Suchtberatung. Dies alles sind Felder, die spätestens mit der Corona-Pandemie nochmals an Bedeutung gewonnen haben. Mit einer Fachkräftelücke von 20.500 bei den ErzieherInnen und mit ebenfalls eklatant hohen Werten in den Berufsfeldern der Alten- und Krankenpflege sowie der Physiotherapie sind ebenfalls Negativ-Rekorde erreicht.

Von einem akuten Personalnotstand sind ebenfalls die Bauelektrik, die Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie die Kraftfahrzeugtechnik betroffen. Damit sind auch hier zeitakute und krisensichere Berufsfelder betroffen. Damit fehlen eben auch jene HandwerkerInnen – im Jahr 2021 bereits 87.000 – zur Gestaltung der Energie- und Klimawende, etwa für die Installation von Solaranlagen oder die Optimierung von Heizungsanlagen.

Die IT leidet ebenfalls stark, sodass bundesweit für neun von zehn offene Stellen passend qualifizierte Arbeitssuchende fehlten. Wir sprechen hier von 13.600 nicht besetzbaren Stellen insgesamt. Auch Berufe der Informationstechnologie sind als krisensicher einzustufen und perspektivisch werden gerade diese für die Gestaltung des digitalen Wandels in sämtlichen Sparten benötigt.

Berufskraftfahrer sind aufgrund des fehlenden Nachwuchses und dem anstehenden Renteneintrittsalters der Babyboomer-Generation zu den Mangelberufen zu zählen. Wirtschaftliche Folgen hinsichtlich Logistik- und Transportlücken sind in der vollen Breite noch nicht abzusehen.

Segregation nach Geschlechtern

Der Blick auf die Beschäftigtenstruktur der oben genannten Berufe zeichnet ein deutliches Bild: Alle zehn Berufsfelder werden oft als stereotypische Frauen- und Männerberufe bezeichnet.

„Während der Frauenanteil in den fünf Berufen, die dem sozialen oder dem Gesundheitsbereich zugeordnet werden können, zuletzt sehr hoch lag, nämlich zwischen 76,6 Prozent (Sozialarbeit und Sozialpädagogik) und 86,7 Prozent (Kinderbetreuung und -erziehung), ist dies bei den anderen fünf Berufen im gewerblich-technischen Bereich genau umgekehrt. Unter den Informatik-expertinnen und -experten lag der Frauenanteil immer-hin bei 19,3 Prozent. Der Anteil weiblicher Beschäftigter war mit 0,4 Prozent (Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik) bis 4,5 Prozent (Kraftfahrzeugtechnik) sonst aber extrem niedrig.“

IW-Kurzbericht Nr. 67, 12.08.2022

Umdenken mit Mut

Es zeigt sich, dass es unterschiedliche Bedarfe gibt, die bei der Lösungsfindung nach besseren Arbeitsbedingungen Beachtung finden müssen. Heutzutage sprechen wir von einem Bewerbermarkt, d.h. viele Arbeiternehmende können sich aussuchen, für wen und zu welchen Bedingungen sie einen Arbeitsvertrag eingehen wollen. Neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, einem angemessenen Gehalt, Benefits, flexiblen Arbeitszeiten und gerechten Bedingungen kommen meist noch ganz individuelle Bedarfe zum Tragen.

Die skizzierte Fachkräftelücken verdeutlicht, dass es zur Bewältigung dieser Herausforderung ein Umdenken in vielen Bereich braucht. Es braucht breite Anreizstrukturen, die geeignet sind Arbeitskräfte in Mangelbereiche zu lotsen. Die Corona-Pandemie hat diesen negativen Entwicklung nochmals neue Dynamik verliehen. Neben veränderten Bedingungen sollte mehr noch bei den Jüngsten unserer Gesellschaft angesetzt werden. Kinder und Jugendliche sind wieder stärker an eine berufliche Orientierung heranzuführen. Klischeeabbau ist hier wesentlich. Geschlechterstereotypen sich weiter aufzubrechen. ArbeitgeberInnen können hier ebenfalls viel tun, beispielsweise durch die Verwendung gendergerechter Ansprache oder aber gezielten Kampagnen. Darüber hinaus brauchte es auch den Blick über die eigene Region hinaus. Das in- und ausländische Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Es braucht geeignete Initiativen zur Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und verbesserte Sichtbarkeit für die Vorzüge der Region.

Zusammengefasst: Es zeichnet sich unlängst ein Notstand am Arbeitsmarkt ab, der sich sicherlich nicht von allein auflösen wird. Es braucht Gespräche mit Betroffenen und Unternehmen, Schulen und weiteren Bildungsträgern sowie der regionalen Verwaltung, um die dringendsten Handlungsbedarfe herauszufiltern und, weiter gedacht, längerfristig verbesserte Strukturen aufzubauen.

Ansprechpartner:

Dr. Benjamin W. Schulze
Bereitsleiter Fachkräfte und Willkommenskultur
T. 0551/270713-43
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